Von der Kunst, Nordfriese zu sein

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Die kleinen Macken seiner Heimat erkennt man erst mit Abstand. Ich wohne seit fast 15 Jahren nicht mehr in Husum. Mittlerweile ist mir klar, dass nicht alles, was mir früher ganz normal schien, im Rest der Republik ebenso gesehen wird. Teilweise nicht mal in Kiel. Eine kleine Auswahl:

Essen

Weil Weihnachten vor der Tür steht, fangen wir mal mit Süßspeisen an. Wer in Nordfriesland zu Kaffee und Kuchen eingeladen wird, muss sich auf einiges gefasst machen. Bei uns in der Verwandtschaft werden neben Keksen und trockenem Kuchen (Marzipanstreifen und Co) in der Regel sechs bis acht Torten gereicht. Wenn man Glück hat, hat sie nur eine Person gebacken. Dann kommt man damit durch, nur eine Auswahl zu probieren. Wurde die Arbeit unter den Tanten aufgeteilt, muss von jedem Sahne-Schmand-Marzipan-Ungetüm ein Stück in den Bauch. Man will ja niemanden beleidigen.

Die gute Nachricht: Es wird einem nicht einfach ein dickes Stück auf den Teller geklatscht. Die Gastgeber im hohen Norden “schicken Torten herum”. Immer rechts rum, ohne Ausnahme. In der Regel läuft das so ab: Ich balanciere auf der linken Hand eine wahnsinnig schwere Glasplatte, auf der eine dreistöckige Torte thront. Mit der rechten Hand steche ich das Messer in die Mitte und schneide mir ein möglichst schmales Stück ab, das ich vorsichtig auf den Teller gleiten lasse. Dann drücke ich dem Onkel zur linken Seite das Monster in die Hand, drehe mich nach rechts und nehme der Tante die nächste Platte ab.

Am Ende quillt der Teller über. Es ist nahezu unmöglich aufzuessen, ehe der Gastgeber vorschlägt, die Platten doch nochmal rumzuschicken. Dieses Vorgehen wiederholt sich dann etwa vier mal. Das Ganze war für mich so normal, dass ich erstaunt losschreien musste, als wir eines Tages bei Bekannten in Erfurt waren und der Vater der Familie die Torte einmal in der Mitte durchschnitt, um sie dann in exakt gleich große Stücke aufzuteilen. Niemals wäre ich auf so eine abgefahrene Idee gekommen.

Die Sache mit dem “Rumschicken” funktioniert übrigens nicht nur bei Kaffee und Kuchen. Vor allem auf Hochzeiten (Grün, Silber, Gold) wird der Hauptgang so gereicht. Da machen dann grüne Bohnen, Kaisergemüse, Fleischplatten, Kartoffeln und Kroketten sowie zwei Soßenterrinen an langen Tafeln die Runde, bis sie sich an einem Ende des Tisches sammeln. Wer nach einem Nachschlag grüner Bohnen fragt, löst in der Regel eine neue Welle “Töpfe rumschicken” aus. Niemals würde jemand ein paar Kartoffeln nehmen und die Schüssel in die Mitte des Tisches stellen, ohne sie vorher seinem linken Tischnachbarn anzubieten und der seinem und der seinem …

Pötte

Ist der offizielle Teil so einer Feier vorbei, fragt eigentlich immer jemand am Tisch: “Was wollen wir denn trinken?”. Ein Niedersachse würde nun ziemlich irritiert aus der Wäsche gucken und sich denken: “Das ist doch meine Sache.”

In Nordfriesland läuft das anders. Natürlich darf jeder trinken, was er will. Doch normalerweise einigt man sich mit etwa acht Personen auf zwei bis drei Getränke, die dann in großen Glaskaraffen serviert werden. Das klingt edel, ist es aber nicht. Denn in den sogenannten “Pötten” werden nur “Mischen” verkauft. Also Misch-Getränke: Vorzugsweise Cola-Korn, Fanta-Korn, Wodka-O, Cola-Cognac … die Hartgesottenen bestellen ohne Eis, damit nichts “verwässert”. Und wenn nur schnell genug getrunken wird, wird ja auch nichts warm. Die Bedienungen müssen dann nicht mehr lästig nachfragen, sondern sorgen einfach dafür, dass die Krüge den ganzen Abend über gefüllt sind.

Dieses Ritual ist einigen meiner Verwandten sehr heilig. In den 80er Jahren waren sie auf einer Hochzeit im Süden (Lüneburger Heide) eingeladen. Aus Angst vor den unwissenden Niedersachsen haben sie einfach einen Karton Pötte mitgenommen und den Gastwirten ungefragt erklärt, wie sie die Mischen bitte anzusetzen hätten. Das Fest soll großartig gewesen sein.

Sprache

Die Nordfriesen und ihre Sprache sind wirklich niedlich. Da großartigerweise immer noch sehr viel Plattdeutsch gesprochen wird, ist ganz reines Hochdeutsch selten zu hören. Ein “Moin” zu jeder Tages- und Nachtzeit ist gesetzt und das höfliche “Sie” dem Nordfriesen eher fremd. Lustig ist auch der Einsatz von Präpositionen. In Husum geht man “nach” Aldi und feiert “auf” dem Saal.

Erst mit 20 Jahren wurde mir bei einem Auslandsaufenthalt bewusst, dass “Da nicht für” kein richtiges Deutsch ist. Der verstörte Blick einer Hessin hatte mich darauf gebracht, dass hier was nicht stimmt. Die gute Frau hieß übrigens Daniela. In Nordfriesland hätte man sie DAAAAAAni genannt (wie den Pudding), ohne sich etwas dabei zu denken. In Hessen sagt man natürlich DaNNi. Inzwischen sehe ich ein, dass diese Betonung wohl die meisten Deutschen nutzen.

Die Nordfriesen ziehen Vokale gerne mal in die Länge. So werden folgenden Orte entgegen jeder landläufigen Logik mit langem “E” hinten ausgesprochen: Hattstedt, Bredstedt, Löwenstedt. Um Außenstehende noch weiter zu verwirren, sind wir konsequent unlogisch. Wir lachen Touristen aus, die zum NOOOOrdstrand wollen. Denn der Name der Insel wird vorne wie hinten kurz ausgesprochen – und hinten betont. Was wirklich gar keinen Sinn macht. Gleiches gilt für meinen Nachnamen. Während jeder normale Mensch LOOOOrenzen sagt, liegt die Betonung in Nordfriesland auf dem “ren”. Das versteht niemand, muss aber so.

Traditionen

Jedes Jahr am letzten Sonntag im August hat mein Vater einen wahnsinnigen Muskelkater im Hintern. Dann geht er leicht o-beinig durch die Wohnung und der Rest der Familie versucht möglichst ernst zu bleiben. Die Schmerzen hat er dem sogenannten Ringreiten zu verdanken. Bei dieser Traditionssportart steigen Reiter und Reiterinnen (Amazonen… kein Scherz!) einmal im Jahr auf ein Pferd und galoppieren den ganzen Tag durch ein “Galli”. Das sind zwei Holzpfähle, die sich gegenüberstehen und in deren Mitte an einem Tau ein Ring baumelt. Diesen gilt es mit Hilfe eines kleinen Holzpins oder einer Lanze zu ergattern. Im Galopp!

Richtig! In Nordfriesland spielt man Ritterspiele. Was im Rheinland das Schützenfest ist, ist hier das Ringreiten. Nur dass es die Schützen an der Westküste auch noch gibt.

Dabei können die wenigsten Teilnehmer wirklich gut reiten. Das Pferd leiht sich mein Vater jedes Jahr. Das ist dann ein Gaul, der so oft in der Saison zum Ringreiten verliehen wird, dass er beim Anblick der Holzpfähle schon von alleine anfängt zu galoppieren. Die wirkliche Herausforderung für meinen Vater besteht darin, nüchtern zu bleiben. Denn natürlich wird das Ereignis zu Ross begossen. In der Regel mit Jägermeister aus kleinen Flaschen. Einige Teilnehmer nehmen diesen Teil der Tradition so ernst, dass statt Pferdegetrappel im Galopp nur das Klirren der Butteln in ihren Taschen zu hören ist.

Eine andere Tradtion, die wirklich urnordfriesisch ist, ist Halloween. Jawohl! Das feiert man in meiner Heimat an Silvester und heißt da Rummelpott. Das Prinzip ist wie bei den Amerikanern: Man verkleidet sich, geht singend von Haus zu Haus und verlangt je nach Alter Süßigkeiten oder Schnaps. Bekommt man nichts, wird der Vorgarten verwüstet. Je nach Alter mehr oder weniger heftig. Das amerikanische Halloween feiert man in Nordfriesland inzwischen übrigens zusätzlich. Warum ein Fest auslassen, wenn es einem schon aufgedrängt wird?

Die GOOD News: Die Nordfriesen sind wunderbare Menschen, mit einem herrlichen trockenen Humor und großer Gastfreundschaft. Hinfahren und selbst ein Bild machen!

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45 thoughts on “Von der Kunst, Nordfriese zu sein

  1. Pingback: Von der Kunst, Nordfriese zu sein | Michels Blog

  2. Super geschrieben! Über vieles denkt man gar nicht nach, setzt mal als gegeben voraus 😀 Aber ich kenne es alles und werde auch oft schief angeguckt, wenn ich mal wieder zu schnacken anfange 😉

  3. Als ehemaliger Nordstrander muss ich richtigstellen, dass die Aussprache der Insel mit der Betonung auf der letzten Silbe sehr wohl Sinn macht. Das, was heute noch über’m Wasser ist, sind die Reste einer viiiiiel größeren Insel namens “Strand”, nämlich die nördlichen. Mithin war das also früher mal der Norden der Insel Strand (oder auch “Norden vom Strand”). Daraus leitet sich diese Betonung ab. Auf der Insel Wangerooge gibt es am nördlichen Küstenstreifen einen Strand – der heisst auch Nordstrand, wird aber auf der ersten Silbe betont.

  4. Herrlich geschrieben / hab unsere geliebte Heimat so wiedererkannt und fühle mich hier nun schon seit 54 Jahren so was von wohl 😊😊

  5. Moin und einen schönen Weihnachtstag! Beim lesen überkommt mich ein wohliges Gefühl. Fast zu schön um wahr zu sein oder besser gesagt: woher weiss dieser LoRENzen soviel aus meinem Leben. Kurzum, in jedem Absatz fühlte ich mich ertappt und erwischt, beschrieben und vor den Spiegel gestellt. Danke! Danke für die Darstellung meiner, unserer Macken, Ecken und Kanten.
    Wenn auch nur zugereist, aber dennoch fest an der nordfriesischen Westküste verwurzelt.

  6. Vielleicht sind wir auch “nur” Friesen. Die Aussprache der deutschen Wörter und Namen bzw. der nordfriesischen (Orts-)Namen ist eben auch von der eigenen Sprache – die das (Nord-)Friesische ist und daher auch nicht mit Plattdeutsch gleichzusetzen – geprägt.

  7. Wir sind im Sommer aus NRW nach Dithmarschen (was ja nicht so weit weg von NF ist) gezogen. Über viele von Dir erwähnte Geschichten musste ich schmunzeln, kommt mir doch Einiges bekannt vor. Aber “da nicht für” sagt man auch im Ruhrpott. Ich liebe den norddeutschen Humor.

  8. Ganz wichtig finde ich noch zu erwähnen, dass die Leute hier SÖNKE – kurz, schnell und schmerzlos gesprochen – heißen und nicht, wie ich während meiner Auslandsjahre festgestellt habe, Sö(h)nke. Ein furchtbarer Aussprachefehler, den der Rest der Republik da begeht!

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  10. “Da nicht für” ist auch in Kiel schon eine Unart 😛 Wie unverständlich man hier angeguckt wird, wenn man das sagt. Unfassbar witzig! Ich habe ewig gebraucht, um zu verstehen, warum das keiner versteht…abgewöhnen tu ichs mir trotzdem nicht 😛 Frohe Weihnachten 🙂 (Und beim nächsten Beitrag das Boßeln nicht vergessen 😉 )

  11. Pingback: Ein Jahresende in zwei Akten - Heels & Herz - der spotted Blog

  12. Pingback: De keunst fan it Noardfries-wêzen | It Nijs

  13. Und noch etwas war für mich als Rheinhessin neu. Wenn wir (in Rheinhessen) zu einem gemütlichen WeinAbend eingeladen werden, dann beginnen wir mit SmallTalk, Knabbereien und einem Glas Sekt oder Secco. Erst dann geht es (nach einer gewissen Ankommenszeit) zum gemütlichen Teil mit gemeinsamen Essen und verschiedenen Weinen. Hier in Nordfriesland ticken die Uhren anders. Da kommen die Gäste Punktum: Einladung um 19:00 Uhr – Beginn 19:00 Uhr – mit gewetzten Messern und polierten Gabeln – und beginnen sofort mit dem Essen. Erst danach folgt der SmallTalk. Für mich eine folgenschwere Erfahrung. Bei unserer ersten Einladungsfeier – Beginn 19:00 Uhr – verabschiedeten sich die ersten Gäste um 19:30 Uhr wieder mit einem gemurmelten Kommentar: “Hier givt et jou nix to eeten.” …. Ei, ei, so schnell hatte ich noch nie das Essen auf dem Tisch….

  14. Kummt mi allens sehr bekannt för.. 🙂

    Åber een lütte Sååk heff ik dor doch noch: “Kekse” geef dat för mi in NF nur, wenn man nåh Aldi ging, Prinzenrolle und so’n Kråm. De annern heten eenfach “lütte Koken/kleine Kuchen”, as man dat jo uk up dänsch seggt (småkager). Kann åber sien, dat dat in NF nur boben an de Grenz so is…

  15. Ich möchte nur noch kurz hinzufügen, das Sönke bei uns üblicherweise als männlicher Vorname gehandelt wird. Das scheint aber nicht überall bekannt zu sein.
    Mein Mann erhält regelmäßig Post mit der Anschrift ” Frau Sönke …..”. Auch so etwas gibt’s.
    Aber wird nehmen es mit Humor.
    Ulrike

  16. Danke für den tollen Artikel! Habe sehr gelacht (und das als dithmarscher Erbfeind ;-))! Bei den Ausführungen habe ich gemerkt, dass Dithmarscher und Nordfriesen gar nicht soooo verschieden sind, kommt mir doch vieles (eigentlich alles…) nur allzu bekannt vor. Auf die vielen sprachlichen Witzigkeiten, die man verzapft, stößt man tatsächlich erst, wenn man “mal raus kommt” (= über die Elbe fährt). Als ich nach Hessen zog, lachten die Kinder in der Schule hinter vorgehaltener Hand (“der spricht ja komisch”), dabei waren die doch diejenigen, die komisch sprachen (“Wem gehört das?” – “Das ist mir!”). Naja, letztendlich lernt man dann doch vernünftiges Deutsch. Ich gehe jetzt nicht mehr “da längs”, sondern “da lang” und die “Fußgängerzone” betitel ich nicht mehr mit “Gehstraße”; nur ob ich “angefangen habe” oder “angefangen bin” weiß ich immer noch nicht …

  17. Pingback: Feudeln und andere Perversitäten | GOOD NEWS EVERY DAY

  18. Pingback: Von der Kunst Nordfriese zu sein!

  19. Also die Getränke mit dem Cola Zeug, das wirkt leider sehr untraditionell. Einen Kümmel oder Korn gerne immer! Aber so klebrigen Süßkram, dass kenne ich nur aus Teenagerparties.
    Der Dialekt, ich übe schon. Steh ich drauf.

  20. Wirklich ein toller Artikel! Und auch hier auf Föhr sind diese “Eigenheiten” natürlich präsent. Die Gäste sagen, sie fahren mit dem Auto nach “Daggebüül” und nicht nach Dagebüll. Und oft ist die Nachbarinsel “Ambrum” und nicht Amrum. Wen wir Inulanser nach “Europa” fahren, geht’s zum Festland. Und nach “Alcatraz” wird bei Föhrern oft die Nachbarinsel Amrum genannt. Eine uralt Haßliebe die es wohl,auch bei den Amrumern gibt. Und bei jedem Fest gibt es das Föhrer Nationalgetränk “Manhattan” als Aperitiv vor Weg.

    Werde mal öfter wieder bei deinem Blog vorbeischauen. Tschüss und da nicht für

    Föhrmog

  21. Taaaaaating auf Eiderstedt und mein schwäbischer Ex-Kollege sagt das heisst Tating.
    Aber ich stimme dir zu. Erst in der Ferne merkt man die Macken der Heimat. Bin Nach meinem Abi direkt nach Kiel und muss mir von Kieler Freunden anhören das man merkt das ich Vom Dorf aus Friesland komme.

  22. Pingback: das neue #ichbacksmir Thema im April | tastesheriff

  23. Hallo super Bericht auch die Kommentare . War vor kurzem in Franken und wurde nach sprachlichen Besonderheiten befragt. Hätte ich nur vorher gelesen.
    Wir wären die Helden gewesen.

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